Samstag, 01. November 2008
Ethan betritt die neue Welt forsch, aber auch mit einer großen Portion Naivität im Gepäck. Der siebzehnjährige junge Mann hat den Ozean auf der Suche nach seinen Wurzeln überquert und möchte jegliche Vergangenheit abstreifen. So nimmt er die Finanzen seiner europäischen Familie nicht Anspruch. Nur ausgerüstet mit zwei ungewöhnlichen Pistolen taucht er in die New Yorker Bevölkerung ein. Seine Vorsätze mögen gut sein, sein Durchsetzungsvermögen ist für einen jungen Mann seines Alters auch nicht zu verachten, dennoch wird er von den Ereignissen überrumpelt.
Viele Leute wollen plötzlich etwas von ihm. Auf eine gewisse Weise hat er durch seine aufrichtige Art und sein mutiges Auftreten so manchen beeindruckt. Doch er vernachlässigt, dass er sich in Kreisen von Kriminellen bewegt, die sich für Mut und Ehre nur auf den letzten Plätzen interessieren – wenn sie diesen Charakterzügen überhaupt eine Bedeutung beimessen. Und so wird es binnen kurzer Zeit immer gefährlicher für Ethan, der nicht mehr abzuschätzen vermag, wohin die Pfade ihn führen werden, die er eingeschlagen hat.
Der Westen war noch wild genug und der Osten nicht halb so zivilisiert, wie er gewollt hätte. In dieser Zeit erreicht der siebzehnjährige Ethan Ringler aus Londo kommend die neue Welt. New York ist Jahre 1879 schon eine beeindruckende und pulsierende Stadt. Gemachte Männer, Glücksritter, Taugenichtse und übelste Verbrecher tummeln sich in diesem Moloch.
Gilles Mezzono zeichnet höchst realistisch, in einer qualitativen Mischung aus Hermann, einem späten Jean Giraud und vielleicht einem Colin Wilson - vielleicht noch nicht ganz so ausgefeilt, aber Mezzono ist auf dem besten Weg. Alle drei beispielhaft genannten Zeichner sind dem Western-Genre verbunden, das in dieser Geschichte ebenfalls durchklingt. Amerika durchlebt gewisse Nachwehen, was den Umgang der weißen Invasoren mit den Ureinwohnern betrifft. Die absolut den Menschen verachtende Einstellung, die sich bis in so genannte höchste Kreise zieht, ist aus heutiger, klügerer Sicht ekelerregend. Außerdem, um diesem zeitlichen Phänomen die Krone aufzusetzen, hat sich Autor Denis-Pierre Filippi ein Szenario ausgedacht, das ein furchtbares Geheimis lüftet.
Ethan Ringler, die namensgebende Hauptfigur, ist ein halber Indianer. Seine Herkunft stammt aus einer Zeit, als man glaubte, einen Indianer – oder andere andersfarbige Menschen – einfach nehmen und an einen Ort seiner Wahl verpflanzen zu können, als Menschenrechte für alle noch eine Utopie waren. Ethan weiß um seine Herkunft und möchte endlich Licht ins Dunkel bringen, möchte wissen, wo seine Wurzeln liegen. Dazu bemüht er sich, sein väterliches Erbe abzuschütteln und bei Null zu beginnen. Für einen Siebzehnjährigen war das im New York des Jahres 1879 nicht einfacher als heute – eher schwieriger.
Filippi lässt seinen Helden erst einmal stolpern. Hochmut kommt vor dem Fall, so muss sich Ethan von einer der geheimnisvollen Pistolen trennen, die er bei sich trägt, um wieder an Geld zu kommen. Es handelt sich dabei um Prototypen, die bei den beiden Waffenhändlern sofort auf reges Interesse stoßen, da sie ein neuartiges ungewöhnliches Ladesystem besitzt.
In dieser Zeit, einer Art Post-Wild-West und Prä-Mafia, zeigen sich neue Strukturen, der anfänglichen Schritte äußerst interessant sind. Der Leser darf zusammen mit Ethan eine im Untergrund agierende Bundespolizei kennenlernen. Es ist eine Zeit, die aus europäischer Sicht in dieser Form so oft nicht in Romanen oder Dokumentationen behandelt wird – im Comic noch seltener. Die Verstrickungen im Milieu dieser Stadt, die Verzweiflung der Indianer in dieser neuen Gesellschaftsordnung, die ihnen keinen Platz zuweist – oder nur einen für Menschen unwürdigen – sind eindringlich geschildert, kommen aber auch nicht mit der groben Kelle daher. Es herrscht ein Umgang untereinander, der so normal empfunden ist, dass sich anderweitige Anschauungen kaum entwickeln können. Das ist nicht nur spannend, sondern auch informativ – sofern der Autor seine Geschichte auf der Basis von Recherchen entwickelt hat.
Eine selten behandelte Zeitperiode mit dramatischen und ungewöhnlichen Entwicklungen. Ethan Ringler ist einem bereits nach kurzer Zeit sympathisch, sein Schicksal fasziniert auch aufgrund seiner Abstammung. Filippi weiß die Stadt als Nebendarsteller binnen kürzester Zeit zu etablieren, auch dank der sehr guten grafischen Qualitäten von Mezzono und der guten Kolorierung von Nadine Thomas. Western und Krimi in einem. Prima Unterhaltung.
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Sonntag, 16. Dezember 2007
Eigentlich soll es nur eine neue Aufgabe als Gouvernante werden, als sich Coraline Doucet auf die Zeitungsannonce meldet. Der Anzeigentext ist bereits sehr vage. Coraline ist etwas misstrauisch. Auch der Empfang des Hausdieners Ekborn kann ihre Bedenken nicht zerstreuen. Ganz besonders dann nicht, als das Fahrzeug, mit dem er sie am Tor abholt, wenig später in wilder Schussfahrt den Hügel herunterrast.
Wo Terry Dodson zeichnet, findet meistens ein Hauch Erotik statt. Harley Quinn, Black Cat, Wonder Woman und viele andere – Dodson hat der Frauendarstellung im Comic seinen persönlichen Stempel aufgedrückt. Seine Weibsbilder sind elegant, mit sehr weiblichen Kurven ausgestattet. Schmale Gesichter begegnen dem Leser mit großen Augen und vollen Lippen. Dodson nutzt die hautengen Kostüme seiner Superheldinnen und – schurkinnen, um ihre körperlichen Vorzüge besonders in Szene zu setzen – man mag es ihm nachsehen, denn viele seiner Kollegen machen es nicht anders.
Und in einer viktorianischen Zeit mit weiten Kleidern? Dodson spielt mit der Mode, Unterkleidern, Dekolletés, Röcken, Rüschen, Halsbändern, mitunter auch Nacktheit und er geht mit einer sehr schönen Verspieltheit vor, umgeht Anstößigkeit und mischt Humor und ein bißchen Kitsch unter.
Coralines Träume wie auch ihr Leben erinnern an die Titelbilder romantischer Romane, in denen Highlander oder Piratenfürsten die holde Maid vor den Bösewichtern retten und anschließend … nun, wer weiß das schon?
Bleiben wir einen Augenblick in Coralines Gegenwart. Die Ankunft, die geheimnisvollen Anspielungen des Hausdieners wie auch das merkwürdige Gefährt, mit dem sie am Tor des Anwesens abgeholt wird, wecken Assoziationen mit einem bekannten Autoren der französischen Literatur. Und siehe da: Wenig später wird dem Leser ein Automobil mit dem Namen Verne präsentiert.
Die Hausdienerin ist eine resolute, aber sympathische Dame, die sehr wohl mit dem Hausdiener umzugehen weiß: Machen Sie kehrt und benutzen Sie den Dienstbotenzugang, oder ich ziehe Ihnen die Ohren lang, Sie alte Wildsau.
Von dem Umstand, dass Ekborn, der Hausdiener, nicht nur völlig verschmutzt, sondern soeben auch vom Spannen zurückgekehrt ist, ahnt Guérande, die Hausdienerin, nichts.
Als dritten Nebendarsteller finden wir den sehr jungen Herrn Vernère, eigentlich noch ein Kind, aber in höchstem Maße intelligent. Müßiggang langweilt ein Wunderkind wie ihn nicht nur, sondern wird von ihm auch als Zeitverschwendung abgetan. Demzufolge gestaltet sich Coralines Aufgabe, dem jungen Herrn ein wenig die Zeit zu vertreiben, äußerst schwer.
Coraline ist die Gouvernante, ein Beruf, der in Literatur und Film schon so manches Abenteuer nach sich gezogen hat.
Waren die Abenteuer dort alle in der Realität angesiedelt, driftet Coraline schnell in eine phantastische Welt ab. – Sieht man einmal davon ab, dass die richtige Welt mit ihrer romantischen Technik für den Normalsterblichen dieser Zeit wohl schon phantastisch genug ist. Coraline ist zwar beeindruckt, aber sie ist auch eine junge Frau. Ihre Umgebung ist vielleicht der Auslöser für ihre Phantasien, zumindest scheint das Ambiente des Anwesen sie ein wenig zu beflügeln.
Wenn Coralines Gedankenwelt durchbricht, fühlt man sich an einen erotischen Ausflug einer erwachsenen Alice ins Wunderland erinnert. Ein Wandschrank wird zum Tor, zur Verwandlungsebene. Ein Schritt durch eine Tür endet auf einem Segelschiff, das gerade von Piraten geentert wird. Jeder der Piraten will Coraline, aber nur der Kapitän darf sie mit in seine Kajüte nehmen. Mit seinen Zudringlichkeiten ist Coraline allerdings nicht einverstanden. Unversehrt kehrt sie aus dem Traum zurück – jedoch ohne Schlüpfer. Als sie einschlief, hatte sie noch einen an. Das gibt ihr ein wenig zu denken.
Weitere Träume folgen. Schlüpferlose Rückkehr inklusive. Während sich die Merkwürdigkeiten in der Realität mehren (z.B. mechanische Pferde), werden auch die Träume seltsamer, ausgefallener. Einem Schiffsuntergang folgen das Erwachen auf dem Strand einer einsamen Insel, Kannibalen, eine Art mechanischer King Kong und ein eingeborener Affenmensch.
Den Träumen scheint ein Plan zugrunde zu liegen. Doch welcher Plan das sein mag, lässt sich nicht sagen, denn die Reaktionen des Hauspersonals am nächsten Morgen sind zu mysteriös. Man könnte vielleicht etwas ahnen, aber die Hinweise sind insgesamt zu vage.
Daraus lässt sich auch auf die Erzählweise von Denis-Pierre Filippi schließen. Es handelt sich um eine rätselhafte Mixtur, die auf verschiedenen Ebenen funktioniert. Es ist ein Abenteuer, eine kurios romantische Landpartie, ein Tag- wie auch ein Nachttraum – aber keineswegs ein Alptraum, wie es Coraline nach ihrem ersten Aufwachen definiert.
Die Werke Vernères, vorzugsweise Maschinen, die für ihn uninteressant werden, wenn sie erst funktioniert haben, werden von mal ausgefallener. Zuerst ist es noch ein Raddampfer, eine interessante Erfindung, brauchbar. Eine Maschine, die vollautomatisch ein Baumhaus baut, ist zwar brauchbar, in der Theorie nicht undenkbar, in dieser Form jedoch vernesk. Denkt man an den Stahlelefanten von Jules Verne, muss einen die Idee eines mechanischen Pferdes von Denis-Pierre Filippi nicht weiter verwundern.
Am Ende hat ein Rädchen ins andere gegriffen, sehr unterhaltsam mit einer knuffigen Erotik, die sich nicht zu ernst nimmt, Spaß vermitteln möchte.
Das gelingt auch durch die vortreffliche Art von Dodson einen weiblichen Körper in Posen zu zeichnen, die an Akte erinnern, vielleicht mit einer Spur Voyeurismus, ohne den Erotik aber nicht auskommt. Die Farbgebung von Rebecca Rendon und Terry Dodson schafft Stimmung. Hier wird so gut mit den Schatten gespielt, wie man es nur selten sieht, weil es einen erhöhten Arbeitsaufwand bedeutet. Wenn sich Coraline in der Natur bewegt oder in einem Raum steht, der durch einen speziellen Lichteinfall ein besonderes Flair erhält, dann sieht die Schatten häufig regelrecht inszeniert, um auch ein Maximum an räumlichen Eindruck zu erzielen. In der Konsequenz ergeben sich so sehr lebendige Bilder.
Eine gelungene, frische Erzählung, leichtfüßig, kurzweilig, humorvoll, mit großem Einfallsreichtum und einer feinen Prise Erotik. Ein unverbrauchtes Szenario macht aus der Zusammenarbeit von Filippi und Dodson eine schöne Comic-Perle.
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