Samstag, 05. Juli 2008
Vielleicht hätte Hughie zuerst den anderen zuschauen sollen. Leider fällt ihm nicht auf, dass seine Kumpels den Schnaps über die Schulter wegkippen und nicht trinken. Und so helfen ihm auch seine Superkräfte nichts, als dieses Teufelszeug beinahe seine Speiseröhre verätzt. In Russland trinkt man eben etwas anders als im Rest Europas.
Willkommen in Mütterchen Russland. The Boys sind im Lande, aber nicht zufällig. Sie haben einen Auftrag. Jemand, dessen Identität sich noch nicht offenbart hat, stellt eine Superheldenarmee auf. Klar, dass das nicht im Sinne derer ist, die ein Auge auf diesen Heldenabschaum haben.
Superhelden sind äußerst kaputte Typen – nicht alle, aber viele von ihnen – einige wissen über ihren Zustand Bescheid und finden es selber krankhaft, wollen etwas dagegen unternehmen. Andere … Ja, andere haben ganz einfach ihren Spaß daran und nutzen jede Gelegenheit, um sich mannigfaltige Weise auszutoben.
Doch sie haben die Rechnung ohne die Boys gemacht, eine kleine Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Helden im Sinne der Allgemeinheit in den Ar… zu treten. Helden, die glauben, sie kämen auch mit einem Mord davon, haben ganz schlechte Karten.
Garth Ennis erzählt mit der zweiten Ausgabe von The Boys seine ganz eigene Version einer Welt mit Superhelden fort. Bevor es in der zweiten Episode politisch global wird, Der glorreiche Fünfjahresplan, muss zuvor ein Mord aufgeklärt werden. Ein homosexueller Junge wurde tot am Fuß eines mehrstöckigen Hauses aufgefunden. Aus einer ganz normalen Mordermittlung wird bald eine Mörderjagd auf einen Superhelden.
Die Episode Eingelocht ist absolut politisch unkorrekt – so jedenfalls verspricht es die Überleitung zum zweiten Teil dieser Geschichte. Ich möchte behaupten, dass Garth Ennis derlei Überlegungen ziemlich fremd sind. Nicht nur diese Veröffentlichung legt diesen Schluss nahe. Ennis geht diese Thematik aber nicht platt an, im Gegenteil wird das Homosexualität zu einem Streitthema zwischen Billy Butcher und dem Neuen in der Truppe, Wee Hughie, der an einer leichten Homophobie leidet, aber dennoch auf Fairness und Akzeptanz plädiert.
In der Theorie sind sie also okay, aber die Realität sieht anders aus, ja?
Ennis lässt Butcher zum Sprachrohr einer nicht ungewöhnlichen Feststellung werden. Da Butcher sowieso jedermann mit irgendwelchen Schimpfworten belegt und nie ein Blatt vor den Mund nimmt, mag man ihm diesen Charakterzug eher abnehmen als Hughies überängstliche Art irgendwelchen schwulen Schauermärchen aufzusitzen.
Die Auflösung ist menschlich, das Ende der anderen Handlungslinie ist abgedreht, wie so oft, wenn Ennis seine Finger im Spiel hat.
Ging er das Thema Homosexualität noch mit einem gewissen Fingerspitzengefühl an, knallt er mit der nächsten Geschichte wieder voll rein. Aber, auch das muss ihm zugute gehalten werden, mit Liebeswurst (fragt nicht!) wird eine Figur vorgestellt, die nicht nur ein sympathischer Russe ist, sondern auch ein großes Herz für Mütterchen Russland hat – und für seine amerikanischen Freunde. Das ist das große Plus von Ennis, dass er sich der Schwarzweißmalerei verschließt und bei allem Schweinskram, den er zur Zeichnung einer verkommenen Gesellschaft einfließen lässt, auch immer die Menschlichkeit zum Vergleich nebenan stellt.
Darick Robertson macht seine Sache als Zeichner sehr gut. Er hat aber auch Figuren erhalten, mit denen es sich trefflich arbeiten lässt. Butcher, Hughie (der optisch dem Schauspieler Simon Pegg nachempfunden ist), Mother’s Milk, Frenchman und das Weibchen.
Letztere ist einfach nur irre und darf diesen Charakterzug auch in diesem Band wieder unter Beweis stellen, als sie TekKnight auseinander nimmt. Wahnsinn und Wahnsinnskräfte vertragen sich nur bedingt und wenn sie unter Kontrolle zu halten sind.
Weniger gelungen ist der episodische Einschub von Zeichner Peter Snejbjerg. Die Zeichnungen sind nicht schlecht zu nennen, doch sie können mit den eher ernsthaften Bildern von Robertson nicht mithalten.
Eine gute Fortsetzung, nicht ganz so überraschend wie der erste Teil, dafür nicht weniger drastisch. Die Boys werden international, die Intrigen im Hintergrund werden komplexer. Das lässt einiges hoffen für die zukünftigen Ausgaben. Mal sehen, ob Garth Ennis seine unausgesprochenen Versprechen einhält.
Dienstag, 04. September 2007
Wee Hughie ist glücklich. Endlich hat er die Frau gefunden, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten könnte. Die Stimmung ist gut, und der Ausflug über den Rummelplatz gefällt beiden. Sie können nicht ahnen, dass ganz in der Nähe ein Kampf tobt, der ihr Leben in Kürze verändern wird.
Wenig später ist Hughies Freundin tot. Ein Superschurke wurde von einem Hochgeschwindigkeitshelden gegen eine massive Wand gedrückt. Leider stand Hughies Freundin dazwischen. Kollateralschaden: Manchmal bleibt ein Zivilist auf der Strecke, wenn sich moderne Helden in Strumpfhosen mit Superschurken schlagen.
Zu diesem Zeitpunkt ahnt Hughie noch nicht, dass sich eine Gruppe neu formiert, um gegen dieses pseudouniformierte oftmals fliegende Pack vorzugehen und es in seine Schranken zu weisen.
An oberster Stelle, bei der Firma, auch CIA genannt, hat man nicht nur Respekt vor diesen Superwesen, sondern man fürchtet sie auch. Bisher scheinen diese Wesen nicht zu wissen, welche Macht ihnen tatsächlich gegeben ist. Damit das auch gar nicht erst geschieht, muss eine Frage beantwortet werden.
Wer bewacht die Bewacher?
Hier kommen The Boys ins Spiel. Ihr brutalstes Mitglied ist ausgerechnet das Weibchen. Wer dieser Psychopathin begegnet, kann nur hoffen, dass es schnell geht. Der Frenchman ist nicht viel besser, scheint jedoch noch einen Funken Verstand zu besitzen. Mother’s Milk ist ein Riese und besitzt eigentlich ein edles Gemüt. Für die Sache ist er schnell bereit, darauf zu verzichten. Ihr Anführer ist Billy Butcher, der seine Anweisungen direkt von der Direktorin erhält.
The Boys sind keine Chorknaben. Sie haben ihre ganz eigene Vorgehensweise, um mit dem Superpack fertig zu werden. Wie Wee Hughie am eigenen Leib erfahren hat, ist diese Vorgehensweise berechtigt. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der übliche Superschurke nicht die einzige Gefahr darstellt. Vielmehr sind die so genannten Helden die echte Bedrohung, jene respektierten Maskierten, die oftmals verroht, durchtrieben und nur auf ihren persönlichen Vorteil bedacht sind.
Es gilt ein Exempel zu statuieren. Butcher wählt sich eine Heldengruppe aus, die es besonders bunt treibt: Teenage Kix. Hughie, der zur Überwachung eingeteilt wird, ist schockiert. Derart verkommen hatte er sich die Helden nicht vorgestellt.
The Boys von Garth Ennis und Darick Robertson will endgültig mit dem Superheldenmythos aufräumen. Es fliegt nichts Edles durch die Luft. Butcher trägt seinen Namen vollkommen zu Recht – wie sich später ziemlich drastisch herausstellt. Ennis und Robertson reihen sich in die neuen Heldengeschichten ein, die realistischer sein wollen. Ennis geht mit seiner Geschichte noch einen Schritt weiter: Suggested For Mature Readers.
Diese Empfehlung mag angesichts mancher Szene wirklich stimmen. Für jugendliche Leser ist The Boys nur begrenzt geeignet.
Zwei Charaktere ragen in dieser Geschichte hervor, Butcher und Hughie. Beide haben ihren ganz eigenen Grund, warum sie gegen die Superhelden vorgehen. Butcher hat inzwischen Gefallen an seiner Rache gefunden. Ausgerüstet mit einem Trank, eine Art Super-Medikament, verfügt er über die Fähigkeit, sich gegen einen Helden mehr als nur wehren zu können. Auch Hughie wird diese Gabe zuteil. Allerdings hat Butcher es verpasst, ihn zuvor darüber aufzuklären. Obwohl Hughie die Teilnahme an der Gruppe von Beginn freigestellt wird, hegt Butcher keinerlei Zweifel, dass der kleine Mann sich ihnen anschließen wird.
Wee Hughie ist nicht nur eine tragische Figur und der Charakter, durch dessen Augen der Leser in diese Geschichte eintauchen darf. – Schauspieler waren schon häufiger Vorlage für Comic-Figuren. In diesem Fall stand der Schauspieler Simon Pegg für Wee Hughie in gewissem Sinne Modell – glaubt man den Quellen, in denen Darick Robertson, der Zeichner, diese Modellfunktion bestätigt.
(Wer sich unter Simon Pegg nichts vorzustellen vermag, schaue doch unter imdb.com unter Shawn Of The Dead oder seinem jüngsten Film Hot Fuzz nach.)
Derber Humor und Brutalitäten wechseln in The Boys einander ab. Wir erleben, wie die Welt der jungen Heldin Starlight zusammenbricht, als sie hinter die Kulissen der Seven, der wohl bekanntesten Heldengruppe, blicken darf, deren Vorbild zweifellos die JLA gewesen ist.
Wieviel hält Ennis vom Mythos der Superhelden-Comics? Wohl nichts, wenn man den Schilderungen auch der übrigen Gruppierungen glauben darf.
Sind die einen ganz offensichtlich sexbesessen, eine Art Folge überschüssiger Kräfte, sind die anderen, die sich ihnen entgegenstellen, mit einem ganz anderen Tick gesegnet. Das Weibchen scheint seine Gegner häuten zu müssen – wie gesagt, Ennis greift in die unterste Schublade und Robertson überlässt nicht jedes Szenario der Phantasie des Lesers.
Humorvoller wird es, aber immer noch derb, wenn Butcher Hughie aufheitern will und ihm zeigt, warum seine Bulldogge den Namen Terror trägt.
Die Tricks, mit denen die Boys zu Werke gehen, sind zuerst die üblichen Geheimdienstvorgehensweisen. Überwachen, erpressen. Die Antwort darauf, ob die Boys auch in einer direkten Konfrontation gegen Helden bestehen können, zeigt sich kurz vor Schluss. Teenage Kix, die einen Tipp erhalten haben, wer ihr Feind ist, marschieren geradewegs in eine Begegnung mit einem Fleischwolf. Hughie unterschätzt seine neuen Kräfte gewaltig. Butcher zeigt, wie er vorgeht, wenn er die Kontrolle über sich verliert.
Der Niedergang der Helden ist besiegelt. Einflüsse, die auch in die bekannten Comic-Universen Einzug hielten, werden hier von Ennis und Robertson in letzter Konsequenz erzählt. Gut und Böse waren gestern, jetzt gibt es nur noch mies. Spannend ist es, wendungsreich, atmosphärisch stimmig, der Humor pechschwarz, doch wegen seiner Genre-Demontage wahrscheinlich nicht jedermanns Sache.