Montag, 28. April 2008
In der Luft auf Wolken zu surfen macht ungeheuer viel Spaß. Ein harmloser Zeitvertreib, der niemanden belästigt – Falsch gedacht. Cloud 9 ist es nur kurz gestattet auf Wolke Nummer 7 zu sein. Bereits nach Minuten gehen zwei F16 Abfangjäger der Air Force auf Parallelflug.
Den Flugzeugen kann Cloud 9 noch entkommen, doch einem Gegner wie War Machine kann sie nicht entkommen. Ihre Helden-Identität kommt ihr nur zögerlich über die Lippen. Helden-Identität? Wie das klingt! Trotzdem findet sich Abby wenig später in einem Ausbildungslager für Helden wieder.
Yellowjacket und War Machine beäugen die neuen Rekruten mit einem hohen Misstrauen gegenüber unbedachten Neulingen, aber sie sind auch äußerst neugierig, was die Fähigkeiten ihrer Schützlinge zutage fördern werden. Auf einen Neuling werden sogar Hoffnungen gesetzt – als eine Art Captain America Junior. Und tatsächlich: Fitness, Ego und Intelligenz gehen bei MVP, so der richtige Code-Name, Hand in Hand. Nach sportlichen Aktivitäten geht es in den Übungsraum. Zunächst verläuft das Kampftraining zufrieden stellend, doch dann geschieht die Katastrophe.
Ich sprüh’s an jede Wand, neue Helden braucht das Land.
Nach dem Civil War werden neue Helden dringender benötigt als jemals zuvor. Man glaubt, zu wissen, dass der Held von morgen ausgebildet, ja erzogen werden muss. So entsteht abseits der Schule, die einst Charles Xavier ins Leben rief, eine neue Art von Ausbildungscamp, dessen Beigeschmack militärischen Drills deutlich ist.
Wer sich die Szenerie betrachtet, genauer das Desaster während des Ausbildungskampfes, wird vielleicht an Starship Troopers oder Space 2063 erinnert. Besonders in ersterem gibt es eine ähnliche Situation während der Ausbildung – die aber wegen ihrer grundsätzlichen Dramatik auch hier funktioniert.
Die Mischung der neuen Helden, die noch nicht so recht wissen, was das bedeutet, bringt Charaktere mit, die in der Tat noch recht blass aussehen. Eine gewisse Vertrautheit kann man als Leser jedoch mit einigen Charakteren haben. Komodo stahl das Echsen-Serum und ist nun eine weibliche Halbechse mit bestechenden Eigenschaften. Trauma erinnert rein optisch an den merkwürdig jugendlichen Feind aus Tellos (einer Serie, der hierzulande leider kein Erfolg beschieden war).
Interessant sind die Streitereien hinter den Kulissen in dieser von Stefano Caselli leicht überzogen gezeichneten Geschichte. Stilistisch ist er ein wenig eine Mischung aus Mike Wieringo (2007 leider verstorben) und Ed McGuinness. Sehr feine Linien und eine ausgezeichnete Farbgebung von Daniele Rudoni machen aus der Auseinandersetzung, die erwähnten Streitereien, zwischen dem ehemaligen Schurken von Blitzschlag und Henry Pym eine tolle kleine Szene, die einen Kern der Initiative ins Zentrum rückt. Dabei ist die Rekrutierung von Bösewichtern, die einem noch nützlich sein können, keine Erfindung marvelscher Comic-Autoren, sondern eher inspiriert von caesarianisch amerikanischen Praktiken.
Nachdem die Situation schon im Übungsraum eskalierte, mag man sich als Leser fragen, wie dann noch ein realer Einsatz Erfolg haben soll. An der Seite alter Recken geht es gegen einen Carrier der Verbrecherorganisation Hydra, die sich als wahres Trainingsziel entpuppt.
Stefano Caselli kann sich im Verlauf der Handlung weiter action-reich austoben. Komodo wird gegen Spider-Man ins Feld gebracht, eine Bewährungsprobe, bei der jedem klar ist, dass sie scheitern muss.
Jedoch hat Autor Dan Slott eine Überraschung eingebaut, die – nachdem der Leser einen kopflosen Thor-Klon ins Auge fassen durfte – für die Helden noch einige Wendungen parat halten dürfte. Bei Marvel scheint man fest entschlossen zu sein, das eigene Universum weiterhin umzukrempeln und dafür keine szenarischen Grenzen mehr zu scheuen.
Ein feiner Auftakt, dem vielleicht wirklich neue klassische Helden entspringen können. Dass solche Geschichten auch stets mit einem Augenzwinkern gelesen sollen, beweist der Auftritt von Stan Lee (im 1963er Aussehen), der selber erzählt, wie die Rächer wirklich entstanden.
Stichwörter: dan slott, stefano caselli
Samstag, 11. November 2006
Irgendwann in der Zukunft. Lara Croft ist ein Mythos. Vieles, was wir heute über sie wissen glauben, entstammt Videospielen, Comics und auch Kinofilmen. Die wahre Lara Croft war anders.
Wer das Museum zu ihren Ehren betritt, erhält genau diesen Eindruck. Hier finden sich echte Artefakte aus ihrem Leben, jene Dinge, die sie über die Jahre hinweg gesammelt und bewahrt hat.
Bereits sehr früh wusste Lara schon, was sie werden wollte. In jungen Jahren, als kleines Kind, begleitete sie ihre Eltern bei einer Ausgrabung. Ihr ist es zu verdanken, dass hierbei ein ganz besonderes Artefakt geborgen werden konnte. Von diesem Augenblick an steht es für Lara fest: Sie wird ein Schatzjäger, ein Abenteurer, manche würden sagen, ein Grabräuber – doch nur böse Zungen würde das behaupten.
Vor den Augen des Betrachters der wertvollen Gegenstände im Croft-Museum entsteht eine völlig neue Lara, eine die niemand kannte. Die Besucher – und andere aufmerksame Betrachter – sind fasziniert.
Das Hologramm, Polly Gon, dem Erscheinungsbild von Lara Croft nachempfunden, wie jeder sie aus den Videospielen her kennt, führt die Besucher von Station zu Station und fasziniert sie mit immer neuen Begebenheiten aus dem Leben einer Abenteurerin, der keine Situation zu brenzlig sein konnte.
Kann es sein, dass ein Programm Gefühle entwickelt? Polly Gon verhehlt ihre Enttäuschung nicht, denn diese Führung wird ihre letzte sein. Es ist beschlossene Sache, dass sämtliche Artefakte wieder an ihre Ursprungsorte oder in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden sollen. Damit verliert das Museum seine Berechtigung und wird schließen.
Lara hat ein langes und spannendes Leben gelebt. Sie jagte auf Motorrädern durch enge Gassen, hetzte und turnte durch Labyrinthe, die sich ein krankes Genie ausgedacht haben muss, wich den geschicktesten Bogenschützen der Welt aus, tauchte in haiverseuchten Gewässern – doch was wurde aus dieser Frau, der scheinbar nichts etwas anhaben konnte?
Die 38. Ausgabe von Tomb Raider enthüllt die ganze Wahrheit über Lara Croft. Endlich erfährt der Leser wirklich, wer sie war und was aus ihr wurde. Es ist kein Zufall, dass die Geschichte im englischen Original den Titel Alpha Omega heißt – Anfang und Ende: Und vielleicht ein neuer Auftakt.
Die vorliegende Geschichte rollt das Thema Lara Croft von einer neuen Seite auf und ermöglicht es dem Autor Dan Slott eine Handlung im Tomb Raider-Universum aufzubauen, ohne auf bisherige Handlungsstränge Rücksicht nehmen zu müssen.
Slott lässt viele kleine Ideen einfließen. Polly Gon erinnert wahrhaftig an eine Videospiel-Figur (nicht zuletzt aber auch an eine Comic-Variante). Oder die kleine Lara, die mit großen Augen beobachtet, wie ein uralter Tempel vor ihr zusammenstürzt. Sobald der Leser glaubt, es handele sich um eine reine Rückschau aus der Sicht der virtuellen Museumsführerin, schwenkt die Handlung in eine andere Richtung (die hier freilich nicht verraten werden soll).
Interessanterweise ist die neue Lara Croft nicht mehr so nett, wie sie der Leser bisher kannte. Ein wenig ihres Edelmutes ist ihr eindeutig abhanden gekommen. Man könnte behaupten, sie wird dem Titel der Serie endlich gerecht: Tomb Raider.
Von einer Lara Croft, die eine Spur skrupelloser ist, könnte sich der Leser durchaus mehr wünschen.
Tomb Raider-Geschichten haben in der Regel einen hohen zeichnerischen Stellenwert. Zeichner Francis Manapul reiht sich in die gewohnt gute Qualität der Serie ein. Zwar ist ein eigener Zeichenstil erkennbar, dennoch hält er sich im Rahmen der Ähnlichkeit, die Zeichner wie Andy Park und andere vorgegeben haben. Comic-Fans werden seine Arbeiten von Tomb Raider her kennen, Retro Helix, Monster Fighters, GI Joe, The Darkness, aber auch viele Cover, die er für Witchblade geschaffen hat. Einen guten Überblick gibt seine Homepage unter www.francismanapul.com.
Action, Details und Perspektiven sind perfekt umgesetzt. Deshalb ist eigentlich schade, dass die Rückblicke in die Vergangenheit der wahren Lara Croft nur so kurz ausfallen.
Unter dem Strich bleibt eine tolle neue Episode aus dem Tomb Raider-Universum, neu erzählt, spannend von Anfang bis Ende und einer gelungenen Auflösung.
Stichwörter: tomb raider, dan slott, francis manapul, kevin conrad, jay leisten, brian buccellato