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Comic Blog


Dienstag, 14. Oktober 2008

Die Kaste der Meta-Barone 1

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 13:19

Die Kaste der Meta-Barone 1 - Othon & HonorataEine total verrückte Geschichte, Onko! Ich werde diese Humanos wohl nie begreifen. – Dieses Fazit ziehen die kleinen Roboter, die sich ihre Zeit zwischen den Arbeiten mit dem Erzählen von Geschichten vertreiben, die nur von einem handeln: Den Meta-Baronen. Incal-Leser werden den Einweihungsritus gleich zu Beginn wieder erkennen. Moebius zeichnete ihn damals, Juan Gimenez hat das Motiv nach einer beschreibenden Vorlage von Alexandro Jodorowsky, dem Autor des Incal, wieder aufgegriffen. Ein Mann verliert alles. Aber er hat auch Glück im Unglück. Er hat einen Sohn, der ein furchtbares Schicksal, den Verlust seiner Beine, meistern muss. Für diesen erbittet er sich für seine herausragenden Leistungen ein Geschenk – ein großes Geschenk. Othon, dem Vater, wird die Bitte gewährt.

Eigentlich beginnt die Tragödie damit erst recht. Denn das erbetene – und trotzdem vollkommen unerwartete – Geschenk ist derartig wertvoll, dass es Begehrlichkeiten geradezu anziehen muss. So lassen die Diebe nicht lange auf sich warten. Bari, Othons Sohn, ist ein Krieger. Seine Behinderung hat nicht seinen Tatendrang gelähmt. Er jagt den Dieben hinterher. Ebenso macht sich auch sein Vater an die Verfolgung. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Onko mag aus der Sicht seines Roboterkollegen eine verrückte Geschichte erzählen – aus der Sicht des an Science Fiction Geschichten interessierten Lesers ist sie es ganz bestimmt nicht!

Ganz selten nur entsteht eine richtige Saga, eine Handlung über einen langen Zeitraum, die auch noch Figuren mit großer Tiefe hervorzubringen vermag. Seit längerer Zeit kursieren die Szenarien von gebrauchten, auch verruchten Welten. Alexandro Jodorowsky schafft gleich ein Universum dieser Art. Furchtbar, korrumpiert, dreckig, eigentlich ist jegliche Existenz in diesem weiten Raum verloren. Ausgerechnet jener, der sich dem Kampf, dem Dasein als absoluter Krieger verschrieben hat, bildet eine Art Hoffnungsfunken – der allerdings immer wieder ausgetreten werden soll. Jodorowsky entwirft ein eigenständiges Helden-Epos, in dem sich vieles vereint, was über die Jahrhunderte hinweg an Legenden entstanden ist.

Schöne und ungewöhnliche Ideen (natürlich auch schreckliche) erzeugen Spannung, spielen mit den Emotionen des Lesers. Jodorowsky wiegt seine Leser gerne in Sicherheit, gewöhnt ihn gerne an Figuren, weckt Sympathien, nur um dann umso grausamer zuzuschlagen. Das kostbare Geschenk, ein Pferd, welches seit 20.000 Jahren ausgestorben ist, ein fahles Pferd, wird zu Richtungsweiser in die Tragödie nach bester Tradition. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt absehbar ist, dass es nicht gut mit Bari enden wird, ist die Spannung derart quälend, dass man einfach weiter lesen muss. Am Ende des ersten Teils in der Sammlung, lässt sich die Wartezeit bis zur nächsten Geschichte (hier einmal umblättern nur, aber damals muss es grausam gewesen sein, wenn bis zur nächsten Ausgabe gewartet werden musste) tatsächlich nur mit dem Wort des kleinen Roboters Lothar beschreiben: Gemeinheit!

Jodorowsky zeigt sogleich mit der Fortsetzung die Voraussicht seiner Handlung. Nachdem Othon als tragischer Held sehr sorgsam eingeführt worden ist, erzählt er nun über Honorata, die seinem eine neue Richtung geben soll – und entgegen aller Erwartungen dies auch schafft. Die folgende Handlung macht einen noch strukturierteren Eindruck als im ersten Abschnitt. Die Einteilung in drei verschiedene Akte mit allen klassischen Erzählmerkmalen tritt hier deutlich zutage. Jodorowsky hat nicht nur eine außerordentliche Phantasie, er versteht seine Arbeit auch als Handwerk, das er perfekt beherrscht.

Juan Gimenez ist der andere Zauberer, ohne den die Meta-Barone schwer vorstellbar wären. Prachtvoll ist ein Wort, das perfekt als Überschrift zu Gimenez’ Arbeiten passt. Sein Verständnis von technischen Ansichten und seine Design-Ideen schaffen den nötigen Raum. Seine Entwicklung von Welten, tageszeitlichen Stimmungen geben den Geschichte von Jodorowsky eine ungeheure Stofflichkeit. Die Detailfülle kann immer nur wieder begeistern.

Die Gesichter sind manchmal ein wenig puppenhaft. Wer schnell blättert, wird die für eine Schwäche halten können, wer jedoch genau hinschaut und die Vielfalt der Gesichter gerade in den Nebencharakteren erblickt, stellt fest, dass es sich bei dem Design der Hauptfiguren um Absicht handelt. Gerade in Othons Fall verschwindet die puppenhafte Glätte im Verlauf der Handlung – bei Frauen ist Gimenez allerdings immer etwas nachsichtiger.

Gimenez’ Technik ist aufwändig und jede Seite ist ein kleines Kunstwerk. Mehr muss und kann man als Leser diese Arbeit, die tatsächliches Artwork ist, nicht loben.

Nicht nur ein Comic, sondern auch ein Kunstband. Wer Jodorowsky, Gimenez, den Incal, die Meta-Barone mag, der wird auch den vorliegenden Sammlungsauftakt lieben. Wer einen neuen SciFi-Saga-Ansatz sucht, blättere einfach mal durch die ersten Seiten. Wer dann gefangen ist, kommt am Rest der Geschichte nicht mehr vorbei. Es lohnt sich.

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Montag, 01. September 2008

Juan Solo 2 - Heiliger Schweinehund

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 19:10

Juan Solo 2 - Heiliger SchweinehundJuan führt ein gutes Leben. Draußen auf dem Landsitz soll er die Herrin beschützen und so nebenher besorgt er es ihr. Ihr Sohn schaut voller Respekt zu ihm auf. Juan bringt ihm sogar das Schießen bei. Laura, so der Name der Herrin, wird sogar süchtig nach Juan, begehrt ihn so oft es geht, an den unmöglichsten und möglichen Orten, immer und wahrhaft überall. Juan führt ein gutes Leben – so glaubt er eine Weile. Eines Tages geschieht das, was ein aufmerksamer Juan viel früher bemerkt hätte. Aber Juan befindet sich im Rausch und so entgeht ihm, dass sein wahrer Chef plötzlich mit seinen Leibwächtern am Schwimmbecken steht.

Plötzlich zählt für Juan wieder einmal mehr, ob er leben wird oder diesmal stirbt.

Heiliger Schweinehund - diese Überschrift des zweiten Teils der Thriller-Saga um Juan Solo trifft den Kern der Handlung. Ob der Leser das Heiliger unterschreibt ist nicht gewiss, der Schweinehund hingegen dürfte jedem einleuchten.

Alexandro Jodorowsky hat seinem Helden im ersten Teil viel zugemutet. Bei aller Gewalt, die von Juan Solo ausgeht, bei allem, was er anstellt, hat er doch auch viel erlitten, ist seine Natur erklärbar. Das, was Jodorowsky seiner Hauptfigur im zweiten Teil zumutet, ist noch eine Spur ausgefallener, schlimmer, aber auch sehr konstruiert – es ist unwahrscheinlich, wie man so schön sagt, aber nicht unmöglich. Zunächst jedenfalls.

Es folgt eine systematische Demontage von Juan Solo. Der Gangster, der sich schon im Begriff sah, ein – für seine Begriffe – wunderbares Leben zu führen, erfährt eine selbst für ihn erschreckende Wahrheit. Eines führt zum anderen, es folgt der totale Niedergang. Letztlich landet er in einer gesellschaftlichen Position, die sein Ziehvater innehatte. Zwar gibt es noch eine Grenze dessen hin zu dem, was er bereit ist zu tun, doch diese verschwimmt auch durch den Alkohol beständig.

Schließlich ist Juan wieder solo und auf der Flucht, ohne Sinn und Verstand. Die Möglichkeit zu einem neuen Leben befindet sich in seinem Besitz, aber die Flucht ist kopflos. Endlich – und der Weg ist noch nicht beendet – hat Juan eine Begegnung, die sein ganzes bisheriges Leben untergräbt. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich in seiner derzeitigen Situation nichts von Wert in seinem Besitz. Die letzte Kugel ist verschossen, er hat kein Fortbewegungsmittel mehr, Wasser hat er keines und letzteres bedeutet in einer Wüstenei den sicheren Tod.

Ausgerechnet ein indianischer Bauer auf einem Maultier luchst Juan sämtliche Habseligkeiten ab. Und Juan ist an einem Punkt angelangt, an dem ihm alles egal ist. Er nutzt diese letzte Chance nicht, reitet sich im wahrsten Sinne des Wortes immer tiefer in das Schlamassel. An dieser Stelle begeht Jodorowsky einen Stilbruch, indem er aus dem Gangster – jeder Leser hätte ihn wohl relativ mitleidlos in der Wüste sterben sehen – eine Art Paulus macht. Das, was ihn zeitlebens verfolgte, gereicht ihm nun zum Vorteil. Juan wird zum Heiligen, zuerst aus der Notwendigkeit, seines Charakters wegen, dann aus Frustration. Juan erfindet sein ganz persönliches Golgatha, aus freien Stücken.

Das letzte Drittel könnte man fast eine Art Autorenkino nennen. Es ist schwer verdaulich, ungewöhnlich, aber auch nie unmöglich. Es passt zum Wahnsinn, den der Leser an der Seite von Juan Solo miterleben durfte, setzt ihm aber auch die (Dornen)krone auf. – Und geht auch über den ganz normalen Wahnsinn eines Tarantino hinaus, der sich als Paradepferd des Wahnsinns mit Methode etabliert hat.

Grafisch ist die Geschichte sehr gut umgesetzt. Der Realismus, mit dem er zu Werke geht, macht es manchmal sehr gruselig, zuweilen auch unerträglich. Die Stimmung wird, filmisch gesprochen, stark über die Beleuchtung angeregt. Rot, Orange und Gelb herrschen vor, signalisieren Hitze, brütende Hitze, die die Gemüter verwirrt und das Leben sogar bedroht. Die Hölle des ersten Teils setzt sich hier unvermindert fort.
Georges Bess’ Arbeit ist alte Schule. Beste Technik mit geringen Mitteln, ganz so, wie es in der Zeit vor dem Einsatz von Computern war. Vergleiche zur Technik früher Geschichten von Giraud oder Hermann sind treffend. Ganz bestimmt befindet sich Bess technisch mit ihnen auf dem gleichen Level.

Eine furchtbar düstere Geschichte. Kein Mitleid mit Juan Solo! Trotz aller Enthüllungen. Spannend, hoch spannend sogar, aber mit keinerlei Identifikationsmöglichkeiten. Jodorowsky und Bess servieren Schwerverdauliches, aber als Achtgängemenü. Wer ein grafisches Topalbum lesen möchte, mit einem Thriller, der fernab jeglicher heilen Welt angesiedelt ist, ist hier genau richtig. :-)

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Samstag, 19. Juli 2008

Juan Solo 1 - Sohn einer Hündin

Abgelegt unter: Thriller — Michael um 17:07

Juan Solo 1 - Sohn einer HündinJuan Solo, bei der Geburt gestraft, mit Milde zunächst bedacht, hält sich an die letzten Worte seines Ziehvaters: Bring ihm das Sprechen bei, und alle werden dich respektieren. Gemeint ist die Pistole, die der kleinwüchsige Mann namens Halbliter in einer Stoffpuppe versteckt hielt. Nun ist sie das einzige Erbe Juans in dieser erbarmungslosen Welt, in der ein Mensch für einen Nickel getötet wird.
An dieser Stelle stirbt mit der furchtbaren Kindheit Juans auch das Mitleid des Lesers für diese Figur, denn die Pistole wird sein Freund. Das Kind, geboren mit einem Schwanz, wird viel ertragen, um seinen Weg zu gehen, aber er wird auch gnadenlos zu- und um sich schlagen und jeden vernichten, der ihm im Weg ist.

Juan kennt kein Mitleid und er vergisst nichts. Er vergewaltigt, er mordet, hintergeht, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Mensch, den alle wegen seiner Fehlbildung am rückwärtigen Teil seines Körpers als Missgeburt, als Monster ansahen, ist zu noch etwas viel schlimmerem als einem Monster geworden. Langsam bildet sich ein Muster heraus. Kurz bevor seine Gegner vernichtet werden, hat er es geschafft, dass sie ihn respektieren – obwohl das ein Zustand ist, der ihm schlichtweg am Arsch vorbeigeht.

Die Geschichte von Juan Solo ist kein sauberer Thriller, in dem ein paar Jungs die harten Kerle markieren, ein bißchen Blut fließt und einige Köpfe explodieren. Hier wird Gewalt nicht zum Spaßfaktor, wie es ein Tarantino praktiziert, wenn er einen brennenden Typen mit einer Kanone über die Ladentheke springen lässt. Wenn hier ein Kopf im wahrsten Sinne des Wortes auf einem Silbertablett serviert wird, dann ist das blutiger Ernst und – anders kann der Autor Alexandro Jodorowsky das nicht gewollt haben – ein mögliches Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Juan ist kein Killer wie Torpedo, dafür ist und bleibt die Geschichte zu ernst. Juans spätere Kumpane sollten auch trotz ihres merkwürdigen Aussehens und ihrer Namen nicht mit Sidekicks verwechselt werden. Obwohl die Mörderbande seine Kreativität bei der Tötung einer alten Frau lobt, ist hier auch kein Platz für Spaß – und das ist das wichtige, das Jodorowsky seiner Figur in dieser ersten Geschichte mitgibt – Juan mag Spaß daran haben, aber er zeigt ihn nicht. Natürlich präsentiert er das Ergebnis seiner Arbeit mit einem gewissen Stolz, auch Arroganz, und sein Einfallsreichtum in der Perfektionierung seiner Taten erreicht einen hohen Ekelgrad, aber Zeichner Georges Bess zaubert zu keiner Zeit ein Lächeln darüber in dieses schmale Gesicht.

Es könnte ein Comic sein, wie so mancher andere auch, würde Bess nicht diesen erschreckenden Realismus in seine Bilder legen. Es zeigt ein Südamerika, wie es der interessierte Leser aus vielen – negativen – Berichten und Geschichten her kennt. Es ist weit jenseits eines Entwicklungslandes. Es riecht nach Kuba und Kommunismus. Es stinkt nach Militärjunta. Es klingt nach Salsa, Slums und Schlamm. Sex bewegt sich jenseits lächerlicher Feuchtgebiete, ist Geschäft, dummes Spiel, Entspannung und Zahlungsmittel. Der Tod ist ein persönliches Drama. Was anderswo, nur ein paar Meter weiter, geschieht, ist uninteressant.
Gleich von den Nachrichtenbildern in den Comic: Bess vermischt das, was wir kennen und hörten, die Demonstrationen, die Jagden von Killerbrigaden auf Kinder, die Suche nach Nahrung auf den Müllhalden, alles Miese und Schlechte mit dem, was ein Mensch sich noch ausdenken kann. Herauskommt eine südamerikanische in heißschwül rotgelbes Licht getauchte Hölle auf Erden.

Völlig entgegengesetzt dazu beginnt die Geschichte mit einer Kreuzigung. Der Mann, der ein erbarmungsloser Killer war, lässt sich von Dorfbewohnern kreuzigen und mit einer Dornenkrone krönen. Entgegen jener Rituale, wie sie alljährlich auf den Philippinen stattfinden, lässt sich der Mann nicht aus Liebe zu Gott oder dem echten Jesus ans Kreuz schlagen. Es ist Hass, der ihn antreibt. Dort oben, in der gleißenden Sonne hängend, beschimpft er sein Schicksal, verhöhnt er Gott und schaut schließlich zurück.
Als Leser mag man rätseln, wie der Killer, den Jodorowsky schildert, später zu einem Menschen werden kann, den die Dorfbewohner als heiligen Menschen bezeichnen. Vielleicht spielt Jodorowsky hier auch wenig mit der Bibel, macht aus Saulus einen Paulus.

Juan dient einem Mann, der seine eigene Tochter begehrte. Die Servierung des Kopfes auf einem Silbertablett, der Ziehvater, der im Tode heim in den Schoß der Kirche zurückkehrt – und diese gleich mit in die Luft jagt. (Und – aber das ist wirklich sehr waghalsig interpretiert – Paulus schreibt selber über Gott: Als letztem von allen erscheint er auch mir, dem Unerwarteten, der Missgeburt.)
Die übertriebene, wie auch eine Art getriebene Christianisierung hängt hier beständig als Thema in der Luft. Gerade gegen Ende, wenn man glaubt, dass diese Vermutung nur ein Hirngespinst war, drängt sich dieser Gedanke ausgerechnet beim Anblick eines Schlafzimmers wieder auf.

Eine grafische und erzählerische Granate, ein Schlag ins Gesicht des Lesers. Man muss diese unterkühlte, distanzierte Erzählweise, der sich auch ein Gabriel García Marquez bedient, nicht mögen, aber faszinieren kann sie allemal. Juan Solo geht seinen Weg unbeirrt. Alles um ihn herum ist Werkzeug, selbst sein eigener Körper. Eine eiskalte Figur, aber auch eine tragische Figur. Bricht das Mitleid auch nach dem ersten Schuss weg, ist es Jodorowskys erzählerischem Geschick zu verdanken, dass man sich zwischenzeitlich fragen muss, ob Solo nicht doch etwas Mitgefühl verdient. – Ein brillanter Thriller, aber sicherlich nicht für jeden Leser. :-)

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Mittwoch, 04. Juni 2008

Castaka - Dayal - Der erste Vorfahre

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 20:10

Castaka - Dayal - Der erste VorfahreKönig Divadal überschreitet die ungeschriebenen Regeln des Krieges und entführt die Königin, Oriela, des Feindes. Wer die Regeln verletzt, dem kann kein ehrenvoller Kampf eingeräumt werden. König Omezo sinnt auf Rache. Die Amakura, der feindliche Klan, sollen ausgelöscht werden. Alle. Männer, Frauen und Kinder.

Es gibt Science Fiction-Abenteuer und Science Fiction-Epen, die aus der Feder von Alexandro Jodorowsky stammen.
Mit den Meta-Baronen hat sich dieser Schriftsteller ein eigenes Universum erschaffen. Dem Leser, dem die bisherigen Ausflüge in die Geschichte dieser Krieger noch nicht umfangreich genug waren, der kann nun weiterführend in das Werden und Sterben des Planeten Zwerg-Ahur eintauchen.

Weißt du, wenn das Universum ein helles Zentrum hat, bist du auf diesem Planeten am weitesten davon weg.
So verhält es sich auch mit dem von Jodorowsky konzipierten Kleinplaneten, der eigentlich alles besitzt, was ein Volk zum Leben braucht, ohne sich gegenseitig zu bekriegen. – Sie bekriegen sich trotzdem.
Zwei Kasten, Amakura und Castaka, liegen in ständiger Fehde miteinander. Dieser Krieg ist ein Witz. Nicht, weil er besonders komisch wäre, sondern weil Jodorowsky mit sehr viel scharfer Ironie beschreibt, denn dieser Krieg ist so nötig wie ein Kropf.

Obwohl dieses Volk ganz anders aufgestellt sein könnte, hat es sich dem Krieg mit altertümlichen Waffen verschrieben und, vielleicht noch wichtiger, einem hanebüchenen Ehrenkodex. Bereits den Auftakt, den Zweikampf zwischen dem alten Bérard und dem jungen Othon, beschreibt Jodorowsky als Relikt dieser Urzeiten, aber Bérard ist wenigstens ein Spur realistischer als sein junger Nachfolger.
Jedes Gesetz erlaubt eine Ausnahme …
Eine Gesellschaft, die ihre Weisen allzu bereitwillig opfert, kann die Zeiten wohl kaum überdauern. Noch dazu eine Gesellschaft, die zu starrköpfig ist, um Veränderungen zuzulassen.

Um diese Lektion in den Köpfen der jungen Menschen um sich herum zu verankern, erzählt Bérard seine Geschichte. Eine Geschichte von Blut und falsch verstandener Ehre – letztlich eine Geschichte, die enorm an japanische Verhaltensweisen erinnert.
Doch jede Geschichte, deren Krieger einem Kodex folgen, erinnert an Bushido (Nein, nicht der Rapper!) Wenn Jodorowsky diesem Weg des Kriegers in seinem Epos noch den Namen Bushitaka gibt, sind Parallelen nicht mehr von der Hand zu weisen.
Seltsamerweise verschließt sich niemand – zunächst jedenfalls – diesem Kodex. Auch die Abschottung nach außen, zum Rest des Reiches, ist ein Thema. Im Gegensatz zum alten Japan ankern die Kanonenboote nicht nur vor der Küste, sie schießen auch ohne Warnung, weil sie von der elitär altertümlichen Einigelung leid sind.

Mit Das Pastoras tritt ein Künstler auf den Plan, der diese mittelalterliche Welt nicht nur mit höchster Präzision darstellt, sondern auch mit höchstem Genuss am Detail, an Farbenpracht, an Massenszenen, Ausstattungen, Landschaft …
Ein Paradebeispiel ist eine doppelseitige Schlachtszene, die deutlich macht, dass vor der Kunst das Können kommt. Ich musste einfach mit der Lupe an das Bild herangehen, um noch mehr Details zu entdecken. Obwohl brutal – und überaus blutig, wie auch viele andere Szenen der Geschichte – ist die Technik schlicht und ergreifend schön, versiert und in ihrer Umsetzung aufwendig.
Neben dem Krieg, der Tragödie, in der es kommen muss, wie es kommt, steht Dayal im Mittelpunkt. Dieser Held wird von Das Pastoras von der Geburt an begleitet.

Säugling, Kindheit, Pubertät, all dies sind Lebensabschnitte, die Pastoras beinahe lässig löst. Grafisch interessanter wird es, wenn der junge Schnösel, der Dayal zuerst ist, über seine Abstammung aufgeklärt wird und in ein tiefes emotionales Loch fällt. In diesen Verwandlungen ist einfach alles dabei und sie helfen enorm den dramatischen Effekt der Geschichte zu verstärken.

Wie ein Mythos inszeniert und erzählt – endlich erfährt der Leser, wie es zu den legendären Meta-Baronen kommen konnte. Jodorowsky schnürt sich selbst nicht ein, erzählt ironisch, blutig, aber auch gerissen im Hinblick auf einige Wendungen. Mit Pastoras wurde ein Grafiker gefunden, der sich mit Größen wie Gimenez und Segrelles messen kann. :-D

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Dienstag, 18. Dezember 2007

John Difool - Der Incal

Abgelegt unter: SciFi — Michael um 0:47

John Difool - Der IncalEigentlich ist John Difool nur ein Privatdetektiv. Und eigentlich sollte es nur ein ganz einfacher Auftrag sein. Aber plötzlich ist ihm dieser Hund auf der Spur, weil dieser glaubt, Difool habe sein Schäfer(hund)stündchen hintertrieben. Damit nicht genug. Kurze Zeit darauf stürzt Difool auf den Säuresee zu. Haarsträubend? In der Tat glauben die Robotpolizisten Difool kein einziges Wort.

Französische Science Fiction hinterlässt manchmal einen verspielten Eindruck. John Difool gehört sicherlich zu den klassischen Beispielen dieser Erzählkunst. Moebius ist kein Unbekannter unter den Zeichnern. Früher war er unter dem Namen Jean Giraud bekannt und zeichnete sich mit Blueberry in den Western-Olymp. – Aber das muss man einem Comic-Fan kaum berichten.

Die neu bearbeitete Fassung von John Difool und seinen Erlebnissen mit dem Incal erstrahlt in neuer Farbenpracht dank einer sehr einfühlsamen Kolorierung von Valérie Beltran. Die Bilder gewinnen deutlich an Plastizität, erhalten mehr Tiefe. Wer früher die vereinfachte Strichführung von Moebius beklagte, nachdem der den Zeichenstil aus den Tagen von Blueberry abgelegt hatte, wird durch die neue Farbgebung die Grafiken in einem völlig neuen Licht sehen. Man könnte es unter der Überschrift Oppulent zusammenfassen. Der gesamte Band, der die sechs Folgen um den Incal bündelt, ist eine Art Opus des Comics. Er ist sehr rund erzählt, findet immer wieder seine Spitzen, weiß, wann und wie er den Leser mitreißen kann. Und mittendrin ist John Difool, eine Mixtur aus Pierre Richard und Gérard Depardieu, ein Privatdetektiv mit Courage, aber immer auch bereit, den leichten Weg zu wählen.

Lassen wir den Hauptcharakter für den Moment beiseite. Ausgangspunkt der Saga ist eine Stadt, eine Mega-Stadt, in die Erde eingelassen, überschüttet mit den kuriosesten Programmen und Gestalten. Selbstmörder stürzen sich in den Säuresee, der in den Untiefen der Stadt angesiedelt ist. Fernsehen bannt den Zuschauer, verblödet, bestimmt die Emotionen. Der Präsident wird zum wiederholten Male geklont. Eine Live-Übertragung macht diese Prozedur zu einem multimedialen Spektakel. Schnelle Liebe kann leicht bekommen werden, auf den Punkt zugeschnitten.
Diese Welt ist satirisch, überspitzt, stellt zur Rede, regt zum Lachen an, macht aus Lesersicht viel Spaß.

Autor Alexandro Jodorowsky lässt diese Stadt nicht am Leben. Der Incal, besser gesagt die beiden Incals vor ihrer Vereinigung, wie auch ein Aufstand, eine Bedrohung durch die Berks, macht der Stadt, deren Regierung in ihrer eigenen Dekadenz ersäuft, den Garaus. Wenig später heißt das Reiseziel: Flucht. Es geht abwärts. Wer glaubte, es sei bereits phantastisch genug gewesen, sieht sich sehr bald eines Besseren belehrt. Eine Kristalllandschaft, alte hutzelige Männchen, die wie eine Versammlung der lieben Götter anmuten, leiten über zu einem Wasserplaneten und an Bord eines Raumschiffes. Sonnen sterben, Weltraumschlachten, ein merkwürdiges Ritual der Berks sowie eine pechschwarze riesige Eimasse, deren Erscheinen unwillkürlich an den Monolithen aus 2001 erinnert.
Alleine in der Umgebung prasselt ein Feuerwerk der Phantasie auf den Leser hernieder und als Leser kann man nicht anders, als ständig weiterzublättern, teilweise atemlos, manchmal ungläubig angesichts dieser tollen Weltenschilderung.

In all den Beschreibungen sind Riesenhaftigkeit, Winzigkeit, kurz wechselnde Größenverhältnisse Trumpf. Riesige Städte, schrumpfende Raumschiffe, riesige Kegelgebilde, die erklommen werden wollen, ein Kampfstern, der seinen Namen wahrhaftig verdient. Medusen schweben gigantisch wie Wolkenkratzer vorüber, werden zu einer Schlachtformation, die man in dieser Konsequenz nie wieder woanders gesehen hat.

In dem Universum von Jodorowsky und Moebius toben sich kindliche Ideen aus – in alter Zeit konnten Kinder in den unmöglichsten Gegenständen alles sehen und damit spielen. Schuhe wurden zu Automobilen, Fächer zu Flugzeugen, alles eine Frage der Phantasie. Letztlich müssen sich die beiden Macher einen sehr großen Teil dieser Kindlichkeit und Spielfreude bewahrt haben, vielleicht stärker noch als so mancher andere Comic-Autor und –Zeichner, der durch die mittlerweile sehr breite Medienvielfalt beeinflusst worden sein mag.

John Difool ist der Namensgeber dieser Handlung, zusammen mit einer seltsamen göttlich anmutenden Wesenheit, dem Incal. Zu Beginn könnte der Privatdetektiv für einen Tolpatsch gehalten werden, bald wird klar, dass Difool aber auch ein abgebrühter Hund ist, der sich in dieser Welt durchaus auskennt. Und er ist ein Kind seiner Welt. Egoismus ist überlebenswichtig. Doch Difool hat auch ein Herz.
Dipo, sein Betonpapagei, ist wohl eines der knuffigsten Lebewesen im Science Fiction- und Space Opera-Genre. Dipo schafft Lacher (wenn er das Reden erlernt), er schafft durch seine Sympathe zu Difool auch Mitgefühl mit dieser Hauptfigur, die am Anfang nicht sehr zugänglich ist – letztlich aber ist sie der typische Privatdetektiv. Die Klassiker, wie Sam Spade oder Philip Marlowe, sind auch nicht die erste Garde für den Sympathiepreis erster Klasse.

Natürlich beherrscht Jodorowsky die Zusammenstellung seiner Figuren. Nach und nach entsteht eine regelrechte Partie aus zwei anfänglich gegensätzlichen Frauen, einem Profikiller, einem Kind, einem humanoiden Hund, mit Difool und Dipo an der Spitze. Die Reibereien, Querelen, die Eifersucht, die Gier nach dem Incal, all das und mehr wird von Jodorowsky genutzt, um die Helden aufeinander zu hetzen, nur um sie sehr bald schon umso enger zusammenzuschweißen. Die Phantasie stoppt auch bei den vielfältigen Charakteren nicht. Der Meta-Baron ist die Inkarnation eines Attentäters mit Prinzipien, Animah, die Herrin der Ratten, sorgt für Mystik und Erotik. Kill, der humanoide Hund, ist der tierische Aspekt – sehr schön, wenn sich Kill und Dipo später gegenseitig aus der Patsche helfen.

Die allgemeine Stimmung, die sich während des Lesens einstellt, lässt sich schwer beschreiben. Zwar gibt es Parallelen zu bekannten Geschichten – zumeist solche, die später als der Incal erschienen sind – aber das genügt nicht, um dem Incal einen oder zwei Stempel aufzudrücken. Der Humor ist mal unterschwellig, mal putzig, mal beißend und böse. Kämpfe sind brutal, in riesigen Schlachten, auch harmlos, in Slapstickmanier. Mal bewegt sich der Jodorowsky an der Oberfläche, mal ist er tief- und hintersinnig, mal kann man auch zwischen den Zeilen lesen. Die Räumlichkeiten, die Orte sind so vielfältig wie die Erzählebenen. So ist eine Space Opera entstanden, die den Leser auf sehr unterschiedliche Weise vereinnahmen und mit auf die Reise nehmen kann.

Nicht viele literarische Werke können von sich behaupten, ein Klassiker zu sein. John Difools Abenteuer um den Incal ist ein Klassiker, ein mutiger Vorreiter, ein Ausbund an Phantasie wie auch Schlüssigkeit. Die hervorragende grafische Qualität, ganz besonders in dieser Neuauflage, macht aus dieser rasanten, spannenden und witzigen Science Fiction etwas ganz Besonderes. :-D

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